Ist „künstlich“ schlecht?

Über Materialreinheit – und ihre Grenzen

Als ich anfing, hatte ich schnell eine kleine eigene Ideologie im Kopf: „Metall, Holz und Stein". Etwa die Hälfte meiner Stücke folgt bis heute dieser Regel – nur diese drei Materialien, nicht zwingend alle drei. Das gilt im Grunde für die gesamte traditionelle Goldschmiedekunst, und es hat seinen Reiz: Es herrscht eine schöne Klarheit der Materialien, und der Schmuck bekommt dadurch oft eine klare Ausstrahlung. Klar, oder?

Und dann geht es schnell los. Das Band für einen Anhänger ist aus textilem Material – vielleicht mit Synthetik dabei. Wen stört das? Darf ich einen belasteten Knoten in der Perlseide mit einem Hauch Klebstoff sichern? Was ist mit flexiblen Armbändern, die man einfach übers Handgelenk streift? „Magic String" hält hervorragend, und ich würde mir zutrauen, damit sogar Glieder aus Edelmetall zu verbinden – das hält viele Jahre, eine Kontrolle einmal im Jahr genügt. Und Broschenverschlüsse klebt selbst der Goldschmied gelegentlich an, wenn es an der Stelle Sinn ergibt. Ist all das mit meinem „Reinheitsgebot" vereinbar?

Als ich begann, mich mit Gestaltung zu beschäftigen, stolperte ich fast zwangsläufig über das Bauhaus und verbrachte eine Weile in dessen Welt. Und sieht man, was im vergangenen Jahrhundert in der Kunst allgemein geschah: Selbst sperrige Materialien wie Fett fanden ihren Weg in große Ausstellungen. Geht es also überhaupt nicht mehr ums Material? Doch – ich denke, es geht immer auch ums Material, gerade Beuys zeigt das. Nur gibt es keine festen Reinheitsregeln mehr. Es bleibt eine einzige: Das Material muss geeignet sein, den gewünschten Eindruck zu erzeugen.

Ein Beispiel, an dem sich das schön festmachen lässt: der „magische" Türkis. Ich habe auf einem unglaublichen Umweg eine originale Türkiskette von amerikanischen Ureinwohnern geschenkt bekommen – und wie und in welchem Moment das geschah, war, ganz ehrlich, magisch, fast wie eine direkte Antwort auf eine Frage, die mich beschäftigte. Ich war baff. Und dann stellte sich heraus: Die Steine sind minderwertig und mit Kunststoff imprägniert. Da war ich noch baffer.

Erst war ich ernüchtert – das passte so gar nicht zu meiner kopfgeborenen Vorstellung von den magischen, naturverbundenen Indigenen. Bis mir dämmerte: Das sind keine reichen Leute, sie nehmen eben die billigsten Steine, die zu haben sind – offenbar, weil die Ausstrahlung dieselbe ist wie bei den teuren. Und auf einmal hatte die Geschichte für mich den Charakter einer Zen-Erzählung: Der fast brutale Einbruch der Wirklichkeit in mein romantisches Bild war selbst die zweite Antwort. Sie lautete: Schau auf den Inhalt, auf die Ausstrahlung, auf die Bedeutung – nicht auf Äußerlichkeiten.

Ist das nun „echter, magischer Indianer-Türkis" oder nicht? Ich mache aus genau diesem Türkis ein Pulver und verarbeite es mit Farbstoffen und Kunstharz zu neuen Stücken – und für mein Gefühl haben die etwas vom Wesen des Türkis. Synthetisch imprägniert, zu Pulver zermahlen, in Harz gegossen, und trotzdem: Türkis. Vielleicht ist genau das die Antwort auf die ganze Frage.

Nawi