Der Retsu-Schmelzfüge-Stil   

Eine eigene Technik, verwandt mit Mokume Gane

Die meisten meiner gemaserten Stücke entstehen in einer Technik, die ich selbst entwickelt habe und „Retsu-Schmelzfüge-Stil“ nenne. „Retsu“ (裂) bedeutet im Japanischen so viel wie „Riss“ oder „Spalt“ – ein kleiner Gruß an die alt-japanischen Vorbilder, und ein Wort, das passt: Es geht bei dieser Technik ums Verschmelzen und Fügen und um die riss- und maserartigen Übergänge, die dabei entstehen. Die Verwandtschaft mit der traditionellen Mokume-Gane-Technik ist unverkennbar, im Vorgehen wie im Ergebnis.

Das Prinzip ist immer dasselbe: Durch geschickte Hitzeführung werden verschiedene Metalle – Silber, Kupfer, Bronze, Messing, Zinn, manchmal auch etwas Gold – genau im Moment des Anschmelzens verbunden, also kurz bevor das Metall ganz flüssig wird. So entsteht eine sehr feste Verbindung; an manchen Stellen bilden sich sogar legierungsartige Übergangszonen, in denen die Metalle nicht nur aneinanderhaften, sondern ineinander übergehen. Das Ergebnis sind die unregelmäßigen, einzigartigen Maserungen und Verläufe, die jedes Stück trägt – zusammengefügtes, bewusst unregelmäßig gesetztes Metall als Gestaltungsprinzip.

Daraus lässt sich auf verschiedenen Wegen arbeiten. Manchmal entsteht ein Stück ganz unmittelbar: Ich verschmelze die Metalle gezielt, schmiede sie kalt, schmelze erneut an, schmiede wieder – in etwa fünf Durchgängen, bis das Ergebnis stimmt. So wird ein einzelner Ring direkt in diesem Prozess geboren. Ein anderer Weg führt über ein verbundenes Blech, aus dem ich anschließend auf üblichem Weg einen Ring oder ein anderes Stück forme. Und schließlich kann ich einen größeren Block aus verbundenen Metallen aufbauen, von dem Teile abgesägt und von Hand zum Ring geschmiedet werden – das kommt der klassischen Mokume-Gane-Arbeit am nächsten.

Im Vergleich zur japanischen Meistertechnik ist mein Verfahren wahrscheinlich schlichter, „primitiver“ – und entsprechend harmloser fallen die Preise aus. Was es trotzdem verlangt, ist viel Fingerspitzengefühl: die Hitze im richtigen Augenblick zu führen, spontan zu improvisieren und dem Zufall genau im richtigen Moment ein Stück Kontrolle zu überlassen, ohne dabei abzugleiten. Gerade das macht jedes Ergebnis unverwechselbar.

Nawi